Marianna Hartmannsberger
Online-Welten für Hochschüler: E-Learning wird immer wichtiger
by Marianna Hartmannsberger - Friday, 14 August 2009, 10:12 AM
 
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Ins Internet statt auf den Campus: Elektronische Lern- und Lehrangebote
an Hochschulen werden bald so selbstverständlich sein wie die
Kreidetafel im Hörsaal, sind Experten überzeugt. Mit großen
Schritten etabliert sich das E-Learning an deutschen Unis und
Fachhochschulen – als Kommunikationsscharnier zwischen den Studenten
und ihren Dozenten. Doch verfolgte man zunächst den Ansatz, ganze
Lehrveranstaltungen zu virtualisieren, ist man bescheidener geworden
– und kritischer, was den pädagogischen Nutzwert angeht. So habe es
sich nicht nur als aufwendig erwiesen, Vorlesungen etwa nur noch als
Podcasts im Netz anzubieten, sagt Norbert Kleinefeld vom Projekt
"eLerning Academic Network Niedersachsen" (ELAN[1]), sondern auch als
kontraproduktiv: "Die wesentlichen Lerneffekte finden immer noch 'face
to face' statt." Ziel sei nicht das Ende für die
Präsenzveranstaltungen: Man wolle Studenten zusätzliche "Lernkanäle"
eröffnen.
Beim E-Learning an Hochschulen gehe es heute vor allem darum, den
überwiegend bestens mit Rechnern und dem Netz vertrauten Studenten
eine durchgängige, veranstaltungsbegleitende "Online-Welt" zu bieten,
sagt auch Michael Kerres, Professor für Mediendidaktik an der Uni
Duisburg-Essen[2]. Solche Plattformen, über die sich etwa Kurs- und
Prüfungsanmeldungen abwickeln, Lerninhalte und Testfragen abrufen oder
Arbeitsgruppen in Chatform anbieten lassen, würden zunehmend als
selbstverständlich betrachtet: "Die Studenten erwarten das."
"Blended Learning" nennt sich diese E-Learning-Philosophie – ein
Begriff, der sich in etwa mit "kombiniertes Lernen" übersetzen lässt.
Während die eigentliche Basis-Wissensvermittlung weiter in Seminaren
oder Vorlesungen von Dozenten geleistet wird, können Studenten auf den
begleitend eingerichteten Online-Plattformen das Gelernte nach eigenem
Ermessen vertiefen. "Selbstgesteuerte Lernprozesse" nennen
Bildungsforscher das. So könnten sich Studierende bei Bedarf jederzeit
mit ihren Kommilitonen austauschen, nach Zusatzliteratur und
vertiefenden Übungen suchen oder zusammen Diskussionspapiere
erarbeiten, sagt Volker Wittenauer, Geschäftsführer des
E-Learning-Centers der Universität Heidelberg. All das sei in
Seminaren schon aus Zeitgründen so kaum möglich.

Auch für den Austausch zwischen Dozenten und Studenten bieten solche
Lernplattformen zusätzliche Möglichkeiten, betonen Experten. Das
beginnt beim Verbreiten der Nachricht, dass eine Veranstaltung
kurzfristig ausfallen muss. "Früher erfuhren die Studenten das oft
erst, wenn sie bereits vor der Tür des Hörsaals standen", sagt
Kleinefeld. Noch weitaus wichtiger aber können virtuelle Sprechstunden
oder moderierte Diskussionsrunden sein, in denen die Dozenten bei
Bedarf auch außerhalb ihrer früher oft sehr begrenzten wöchentlichen
Sprechzeiten zur Verfügung stehen. Gerade vor dem Hintergrund stark
steigender Studentenzahlen ist nach Kleinefelds Auffassung ohne
E-Learning künftig womöglich kaum noch angemessene Betreuung
möglich.
In der Tat ist es nicht überall nur das Streben nach verbesserten
Lernbedingungen, das zur Einführung von E-Learning-Systemen führt
oder geführt hat: Besonders nachgefragt werden diese nicht zuletzt
dort, wo in Folge der derzeit kontrovers diskutierten Umstellung auf
Bachelor- und Masterstudiengänge sowohl der Prüfungsdruck als auch
die Standardisierung des abgefragten Wissens steigt. Studenten müssen
oft in immer kürzerer Zeit viele Zwischen- und Abschlussprüfungen
ablegen – und sind schon aus Effizienzgründen auf
E-Learning-Netzwerke angewiesen, die sie für gezielte Recherchen und
Prüfungsvorbereitungen nutzen können. Professoren könnten über die
Portale zum Beispiel regelmäßig Übungsklausuren anbieten und den
Studenten danach umgehend ein Feedback geben, sagt Kleinefeld.

Nach wie vor gibt es in Sachen E-Learning große Unterschiede zwischen
Fachbereichen und Universitäten – auch was die Qualität der
Angebote angeht. Das liegt daran, dass sich die neuen Methoden wegen
unterschiedlicher Lernanforderungen in verschiedenen Studiengängen
nicht überall in gleichem Maße durchgesetzt haben. Weit verbreitet
seien sie heute vor allem dort, wo – wie etwa im Medizinstudium –
großer Wert auf die Reproduktion feststehender Wissensinhalte gelegt
wird, erklärt Wittenauer. Schwerer hätten es Sozial- und
Sprachwissenschaften, die nicht in vergleichbarem Maße auf
standardisierte Lernangebote fixiert sind. Inzwischen existierten aber
auch dort vielversprechende E-Learning-Ansätze. Dabei gehe es etwa um
das gemeinsame Erarbeiten von Begriffs- und Problemdefinitionen.

Bis heute hat auch das Engagement der jeweiligen Fachbereiche und
Dozenten großen Einfluss auf die Qualität. Zwar habe die Einführung
der relativ leicht bedienbaren Open-Source-Software Moodle[3] den
Aufbau von E-Learning-Plattformen an Hochschulen insgesamt sehr
erleichtert, so Wittenauer. Aber gerade am Anfang sei der Aufwand
beträchtlich und von ungeübten Dozenten meist nur mit
mediendidaktischer Beratung erfolgreich zu bewerkstelligen. "Das macht
Arbeit." Auch Michael Kerres betont, Hochschulen stünden beim
Einführen entsprechender Angebote vor nicht zu unterschätzenden
"strategischen Herausforderungen". Entscheidend sei vor allem, dass die
jeweiligen Institutsspitzen E-Learning konsequent fördern und ihre
Mitarbeiter motivieren. (Sebastian Bronst, dpa) /
(jk[4]/c't)

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